Klagen

 

Themenreihe: Klagen - Jammern - Meckern

Teil 1

 

Klagen ist nicht generell etwas Negatives

Das Äussern von Not und Leid wird oft als rein negativ empfunden, hat aber durchaus konstruktive und soziale Funktionen. Frust oder negative Gefühle auszusprechen, kann kurzfristig entlastend wirken und Druck vom Kessel nehmen. Gemeinsames Klagen schafft Nähe, verbindet Menschen und stärkt das Wir-Gefühl, etwa im Team. Es ist auch eine Einladung an das Gegenüber, Verständnis zu zeigen, zuzuhören und Unterstützung anzubieten. Klagen ist ein Mittel, um auf unerträgliche Zustände hinzuweisen, die geändert werden müssen. Und es dient der Verarbeitung von Sorgen, Nöten und schwierigen Lebensumständen.

Wenn Klagen zur Dauerbeschwerde ohne Handlungsabsicht wird, blockiert es allerdings Veränderungen. Das Klagen beinhaltet die Gefahr, in eine dauerhafte Opferrolle abzugleiten. Es wird die eigene Ohnmacht betont, und schwächt die Selbstwirksamkeit. Ständiges Jammern stösst auch andere ab und kann Beziehungen belasten.¨

 

Der feine Unterschied 

Klagen, Jammern oder Motzen liegen nahe beieinander. Der Unterschied liegt oft in der Absicht. Ein kurzes "Dampfablassen" kann gesund sein, während das Festbeissen im Negativen blockiert. Konstruktives Klagen führt zur Lösung, pures Jammern oder gar Nörgeln führt zu Frustration.

 

Was sagt die Bibel zum Thema?

Ein Plädoyer für die "Klage"

In der Bibel ist dem Klagen ein eigenes Buch gewidmet: die Klagelieder. Die Texte verarbeiten die Katastrophe von 587 v. Chr.. Damals belagerten, eroberten und zerstörten die Babylonier unter Nebukadnezar die Stadt Jerusalem und den heiligen Tempel. Die Lieder beschreiben das unvorstellbare Elend, den Hunger, die Zerstörung und die anschliessende Verschleppung der Bevölkerung ins babylonische Exil. Jerusalem wird dabei personifiziert und als einsame, weinende Witwe dargestellt, die von allen verlassen wurde. Die Texte werfen die quälende Frage auf, ob Gott sein Volk im Stich gelassen hat. Trotz aller Verzweiflung und einem Schuldbekenntnis blitzt mitten im Buch Hoffnung auf.

Klagelieder 3,23 und 24

„Die Güte des HERRN hat kein Ende. Sein Erbarmen hört niemals auf. Es ist jeden Morgen neu! Gross ist deine Treue, o Herr! Darum setze ich meine Hoffnung auf ihn, der HERR ist alles, was ich brauche."

Hiob gilt als klassisches Beispiel, wenn es um die Frage nach dem Leid geht. Die Erzählung beginnt im fiktiven Land Uz. Hiob wird als ausserordentlich wohlhabend, glücklich, fromm und absolut rechtschaffen beschrieben. Doch in kürzester Zeit verliert Hiob durch katastrophale Ereignisse alles: Seine riesigen Viehherden und Knechte werden geraubt oder vernichtet. Alle seine zehn Kinder sterben bei einem Hauseinsturz. Schliesslich wird er selbst von einer qualvollen Hautkrankheit mit schrecklichen Geschwüren von Kopf bis Fuss befallen.

Seine Ehefrau rät ihm verzweifelt, sich von Gott abzuwenden. Drei Freunde, die Hiob besuchen sind überzeugt, dass Hiob eine schwere Sünde begangen haben muss, für die er nun bestraft wird. Aber Hiob hält an Gott fest und beteuert vehement seine Unschuld. Er klagt Gott direkt an, fordert eine Erklärung und wirft ihm zeitweise sogar Willkür vor, weil das Leiden ungerecht verteilt sei.

Über das Aussprechen von Klagen  findet Hiob zum Wunsch, Gott begegnen zu können (Hiob 13,24 und 23,3-9). Klage ist letztendendes auf Begegnung mit Gott aus. Das Klagen läuft auf Gott zu. Zu Gott hingerichtetes Klagen unterscheidet sich grundsätzlich  von "Jammern". Indem Hiob mit Gott rechtet, traut er Gott etwas zu. So entsteht durch das Klagen Vertrauen inmitten von Leid und Not. Klage zeigt grundsätzlich, dass wir Gott vertrauen, weil wir nur noch von ihm Veränderung erwarten können.

Beachte: Gott gab Hiob keine Antwort, keine theoretische Lösung für seine Fragen. Trotzdem scheint Hiob nach dem Reden Gottes innerlich gewandelt bzw. tröstlich umgestimmt zu sein. Die Begegnung mit Gott löste eine bleibende Veränderung bei Hiob aus.

 

 

 

 

 

Hiob, Zeichnung, von Helmut Uhrig

 

 

Das Klagen ist ein fester Bestandteil der antiken Literatur. Auch in anderen Teilen der Bibel, besonders im Buch der Psalmen, finden sich zahlreiche Klagelieder von Einzelpersonen oder des ganzen Volkes. Sie alle zeigen, dass die offene Klage über Leid, Schmerz und Wut im Glauben ihren berechtigten Platz hat und nicht unterdrückt werden muss.

Psalm 13

"HERR, wie lange wirst du mich noch vergessen, wie lange hältst du dich vor mir verborgen? Wie lange noch sollen Sorgen mich quälen, wie lange soll der Kummer Tag für Tag an mir nagen? Wie lange noch wird mein Feind über mir stehen? HERR, mein Gott, wende dich mir zu und antworte mir! Lass mich wieder froh werden und neuen Mut gewinnen, sonst bin ich dem Tod geweiht. Mein Feind würde triumphieren und sagen: »Den habe ich zur Strecke gebracht!« Meine Gegner würden jubeln über meinen Untergang. Ich aber vertraue auf deine Liebe und juble darüber, dass du mich retten wirst. Mit meinem Lied will ich dich loben, denn du, HERR, hast mir Gutes getan."

 

 

Grundsätzlich gilt, dass wir Gott alles sagen dürfen. Im Gebet dürfen wir unser Herz völlig ausschütten. Egal ob Freude, tiefe Trauer, Wut, Angst oder Zweifel – Gott kennt ohnehin bereits unsere Gedanken und lädt uns dazu ein, ehrlich zu sein. Wir müssen uns nicht verstellen oder fromme Formulierungen nutzen. Selbst Verzweiflung, Anklagen oder das Hinterfragen von Gottes Handeln dürfen wir offen und ohne Angst vor Ablehnung äussern. 

Es allerdings fällt auf, dass dort wo in der Bibel geklagt wird, es um etwas geht. Da ist Leib und Leben in Gefahr. Es geht nicht um Bagatellen, um Wehwehchen und nicht um mehr oder weniger Geld (siehe Artikel zum Thema Jammern).  

Gott wird in der Bibel als unendlich geduldig und barmherzig beschrieben. Aber Achtung: Die Geduld Gottes ist kein Freifahrtschein, sondern ein Ausdruck seiner Liebe. Dass Gott in seiner Geduld so langmütig ist und alles erträgt, bedeutet nicht, dass er mit allem einverstanden ist. Den Unterschied von AT und NT, von altem und neuem Bund ins Feld zu führen, hilft nicht weiter. Schliesslich ist Gott heute noch derselbe wie damals. Er agiert lediglich anders uns Menschen gegenüber. Wenn Gott nicht dreinschlägt, bedeutet das noch lange nicht, dass etwas richtig ist. Irgendwann ist genug geklagt. Es gilt auf Grund der Liebe Gottes und der Kraft Gottes die uns zuteil wird, weiter zu kommen, stabiler zu werden, zu wachsen im Glauben. 

 

Es ist gut, das Klagen neu zu entdecken. Das Klagen ist ein zentrales und zutiefst heilsames Element der Trauerarbeit. Das echte, bewusste Klagen besitzt eine aktive, transformative Kraft, die aufgestauten emotionalen Schmerz und Ohnmacht nach aussen leitet. In der Psychologie und Trauerbegleitung gilt das Ausdrücken schwerer Emotionen als essenzieller Schritt, um einen Verlust seelisch zu integrieren.

In vielen traditionellen Kulturen (z.B. im mediterranen Raum oder Osteuropa) übernehmen professionelle "Klageweiber" das laute Weinen und Singen. Sie helfen der Gemeinschaft, die Sprachlosigkeit zu überwinden.

 

 
 
 

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