Grenzerfahrung im Bergell

Am Südrand des Bergells kann man über Gletscher und Pässe von Hütte zu Hütte wandern. Eine Reise zwischen Bergsommer und Granit-Zitadellen auf 2000-3000 m.ü.M. - begeisternd, anstrengend und manchmal auf allen Vieren. Es ist wie Turnen und Tanzen durch eine verrückte Topografie, in der es kaum einen Meter der Waagrechten gibt. Loses Geröll. Zwei Schritte aufwärts, ein Schritt wieder abgerutscht. Dann flacht das Gelände etwas ab. Nach und nach wird das Gestein fester, die Granitblöcke werden gröber. Am besten wählt man die grössten, steigt über die griffigen Kanten höher. Immer wieder blicken wir hinauf und wollen herausfinden, wo die Route durchführt. «Da hinauf sollen wir? - Unmöglich!». Dann eine steile Rinne mit abschüssigen Bändern. Das Blut pocht in den Schläfen. Der Atem stockt. Doch Schritt um Schritt tut sich der Weg auf, Fixseilen entlang, an denen man sich hinaufhangeln kann. «Auch schon hier», tönts von der Passhöhe herunter von denen, die vorangegangen waren. «Wir warten schon sooo lange». Es folgt ein Eintrag ins Gipfelbuch und der Abstieg zur nächsten Hütte. Die Knie zittern. Die Sonne verschwindet. Nebel kommt auf und zieht langsam hoch zu uns. Abseilen über eine hohe Kante.

 

Und dann die Hütte. Die Alpen glühen und drinnen ein Hügel dampfender Kartoffelstock - die Krönung des harten Wandertages. So eine Tour verlangt einiges an Erfahrung im Routen finden, Trittsicherheit und Moral. Man muss sich vorbereiten und das Ziel im Auge behalten. Manchmal ist es hart und übersteigt die eigenen Grenzen. Wir haben es gemeinsam geschafft. Jeder, ob gross oder klein hat vom anderen profitieren können. Noch etwas wurde mir in dieser Grenzerfahrung neu bewusst, nämlich dass man vor lauter kämpfen um eine gute Sache vergessen kann das Schöne zu sehen, was vor Augen liegt. Man muss sich Zeit nehmen, um das Gute und Schöne zu sehen. Die Schwierigkeiten hingegen drängen sich auf. Zwischendurch darum mal hinsetzen, atmen, sich neu ausrichten. Das gilt nicht nur für Bergwanderer, sondern auch für Wanderer auf Gottes Wegen. Es gilt für mich, für Dich, für uns als Gemeinde. Die Tour hat jede Menge Ausblicke geboten. Im einen Kessel dominieren Moränen, Geröllhalden mit eingebetteten Gletschern. An einer anderen Stelle raubt einem die Sicht auf Granitkolosse den Atem. Was siehst Du in Deinem Leben? Oder in der Gemeinde? Es ist überall neben Schwerem auch Schönes zu finden. Glücklicherweise. Ein Geschenk Gottes an Dich und mich.

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