Heiliger Blocher

Karikatur und Text für ein Magazin, April 1995

 

Die 90er Jahre waren in der Schweiz geprägt vom Abstimmungskampf zum Europäischen Wirtschaftsraum (EWR). Der Beitritt scheiterte am 6. Dezember 1992 am Ständemehr (16 von 23 Nein) und an 50,3 % Nein-Stimmen. Als Alternative priesen die Gegner im Abstimmungskampf den Alleingang und den bilaterale Weg an (was sich natürlich widerspricht). Die negativen Folgen  des Nichtbeitritts milderte die Regierung in den Folgejahren mit bilateralen Verhandlungen zwischen der Schweiz und der EU, die in zwei umfassenden Vertragspaketen endeten. Gegen diese Vertragspakete wurde das Referendum ergriffen, von jenen Kreisen, die auch schon den Beitritt zum EWR bekämpft hatten. Wieder wurde der Alleingang als der beste Weg gepriesen. Mit dem allmählichen Inkrafttreten dieser bilateralen Verträge wurde zwar der Druck verringer, der auf der Schweiz lastete, gleichzeitig wurde klar, dass ein Alleingang der Schweiz in einer zunehmend, politisch wie wirtschaftlich globalisierten Welt unmöglich ist. Politisch profilierte sich beim Nein zum EWR die rechtskonservative Schweizerische Volkspartei (SVP), die von der „viertstärksten“ zur „wählerstärksten“ Partei der Schweiz aufstieg. Christoph Blocher, Präsident der SVP Kantonalsektion Zürich, brillierte bei der EWR-Ablehnung und  stieg zum Politstar empor. Als „starker Mann“ seiner Partei nahm er massgeblichen Einfluss auf den sich verschärfenden, isolierten und rechtskonservativen Kurs der SVP. (Quelle: Wikipedia)

 

Christoph Blocher verstand es, sich in kirchlichen Kreisen zu etablieren. Selbst in die “Zentren geistlicher Macht” wurde er zu Referaten eingeladen. Die Karikatur “Wallfahrt zum heiligen Blocher” ist Antwort auf so eine Verantstaltung. Teile des Textes sind mit schwarzem Balken abgedeckt, um niemanden zu komprimitieren.  Der volksnahe Politiker Blocher wusste schnell die Zuhörer in seinen Bann zu ziehen. Er verstand es glänzend Themen anklingen zu lassen, welche bekannt und genehm waren: “Wir sind ein Sonderfall, ich bin auch einer, und jeder, der etwas auf sich gibt, bezeichnet sich als Sonderfall”, oder “wir müssen gegen den Strohm schwimmen … um unsere eigene Identität zu wahren”.

Die Karikatur “Wallfahrt zum heiligen Blocher” ist nie veröffentlicht worden. In einem Schreiben des für den betroffenen zuständigen Medienverantwortlichen, ist Folgendes zu vernehmen: “Wir wurden nach der Veranstaltung von Blocherfans angeschossen, wir hätten Herrn Blocher respektlos, unanständig, unkompetent, unchristlich etc. behandelt ….. Es wird künftig keine Veranstaltungen dieser Art mehr geben …. Dass wir deine Karikatur nicht abdrucken können liegt auf der Hand. Wir könnten die Karikatur gar nicht so erklären und einordnen, dass es nicht Stürme von Protesten geben würde. Glaube mir, wir haben da unsere schmerzlichen Erfahrungen. Die Toleranz unter Christen ist viel kleiner als man meint. Das macht mir auch zu schaffen.”